Und alles von Beginn an findet täglich statt. Für uns alle, in jeder möglichen Situation, Stimmung und Umgebung. Alles birgt eine Chance. Und dann sitzen junge Menschen in meiner Klasse, die so krank, alleine oder unpässlich sind, dass bei vielen der Resetknopf gedrückt wird und die Möglichkeit gegeben wird, alles auf Anfang zu setzen. Den neuen Beginn anzunehmen und eine neue Gangart einzulegen. Für eine kurze Zeit begleitet, oft aber auch über einen langen Zeitraum, auch mit Hilfe von Medikamenten.

In meiner Klasse nehmen derzeit 6 SchülerInnen am Unterricht teil. Von 13 – 17 Jahren. Alle unterschiedlich erkrankt. Der eine genest gerade von einer lang anhaltenden Psychose und nimmt nur an einem Schulblock teil, die andere ist wegen ihrer Borderlinerkrankung stationär untergebracht. Sie verletzt sich so stark, dass sie unter Aufsicht ihren Alltag verrichten muss, um sich dabei nicht tödlich zu verletzen. Eine Schülerin ist ständig abgängig, d.h. sie flieht von Unterkunft und Heimeinrichtung auf die Straße, bietet sich im Internet für zweifelhafte Dienste an und lebt in keinster Weise ein Leben, das einem 15jährigen Mädchen gut tun kann. Ebenso ist eine jüngere Schülerin da, die sich von niemandem geliebt und angenommen fühlt und immer wieder derart in Konflikte gerät, dass sie um sich schlägt und andere schwer verletzt. Auch für sie war das Thema Schule seit Monaten noch nicht mal im Traum möglich. Die depressive Patientin ist am Unterricht still beteiligt, sie arbeitet konzentriert und ausdauernd an ihren Schulsachen und nimmt recht wenig Kontakt auf zu ihren Mitschülern auf.

Und da ist noch das junge Mädchen, dass schwer alkohol- und drogenabhängig ist. Als schlecht regulierbar und impulsiv wurde sie mir vorgestellt und mit wenig Aussicht auf die Chance einer adäquaten Beteiligung in meinen Unterricht gebeten. Für sie wie für alle anderen ist der erste Schritt in die Schule auf Station ein Beginn. Ein Beginn, der nachhaltig ist, der sich durch den ganzen Tag zieht und den sie so gestalten können, dass sie sich selbst eine neue Chance auf eine neues Leben gewähren. Neu positionieren, sich abgrenzen von alten Verhaltensmustern, Gedanken und Gefühlen. So viele Ansprüche gleichzeitig und dann noch Mathe!

Das schaffen die jungen Leute meistens so sehr gut, dass ich mittlerweile überzeugt bin von dem großartigen Potential, das Schule ausser Wissenslücken zu füllen und Regeln einzuhalten, mit sich bringt. Ich erlebe Lernanstürme, Begeisterung über die Fülle der geschafften Arbeitsblätter, Erfolge im gemeinsamen Denkspiel. Punktum, einmal durch die Waschanlage fahren und seine Fähigkeiten glänzen und wirken zu lassen. Die Schülerin mit dem Alkoholproblem geht sogar so weit, dass sie sich nachmittags in ihrem Zimmer schriftlich reflektiert und in der Kürze der Zeit ihres Aufenthaltes besser nicht einschätzen könnte. Sie nimmt ihre Situation sehr sehr ernst, arbeitet fleißigst an ihren Materialien, fordert stete Rückmeldungen von mir ein, ob sie die Sache auch gut mache. Und stößt ab und zu an ihre Grenze. Sie wirkt dann sehr aufbrausend und unwirsch, fast könnte man meinen, sie wirft gleich das gesamte Mobiliar um. Doch sie fängt sich. Nimmt ruhige Ansprache und die Geduld, die ihr entgegen gereicht wird an und wächst sodann über sich hinaus. Arbeitet noch intensiver und freut sich umso mehr über Lernerfolge. Als sie heute in die Klasse kam, suchte sie sich wie alle anderen auch, einen Platz aus. Den wählte sie direkt neben meinem Platz, also so direkt, dass sie mich immer wieder mit dem Finger anstupsen konnte, um zu fragen: ‚Mach ich das gut? Werde ich das alles schaffen?‘ Dieses Mädchen, das so beeinflusst ist von ihrer Abhängigkeit, ist in der Lage, am Unterricht teil zu nehmen, sich selbst einzuschätzen und den schwierigen Weg des Entzugs zu gehen. Sie beginnt ihr Leben neu und wünscht sich nichts mehr, als dass sie es schafft. Eine ihrer Aussagen, die mich auch zu diesem Artikel veranlasst hat, hallt noch lange nach und zeugt von Lebenswillen, der trotz aller Dinge, die ihr widerfahren sind, nicht klein zu kriegen ist:

‚Ich dachte, ich sei, aber ich war es nicht. Ich habe es jetzt verstanden.‘

Und alles von Beginn an.

Advertisements