Und Talent ist an jedem Ort richtig. Jeder Ort auf der Welt hat Talent verdient, ist es wert, mit Talent beschenkt zu werden und damit Menschen zu verzücken. Auch an dem Ort, wo ich arbeite. In der wundervollen Lage, sehr sehr viele junge Menschen kennen zu lernen. Viele kleine und große Persönlichkeiten mit Talenten, Gaben und liebenswerten Macken. Spiegelbilder eben. In diesem Schuljahr lernte ich einen achtjährigen Jungen kennen, der z.B. ganz genau wußte: ‚ Jetzt brauch ich nur noch Haargel, eine Sonnenbrille und ne lange Kette. Dann heirate ich ein schickes Mädchen!‘ Oder ein junges Mädchen, dass mir eine sehr einfache Rechenart für Multiplikationen von Zahlen zwischen 10 und 20 beibrachte (in etwa 14×16). Erstaunlicherweise selbst ausgetüftelt und von ihr gut befunden.

Dann gab es einen Schüler, der von 1980 an jedes Deutschlandwetter eines Tages genau benennen konnte. Was haben wir gestaunt und mit ihm gefiebert, dass auch alles stimmt! Vielfalt verzaubert den Alltag. In jeder Form. Und dafür danke ich sehr. Jedem, der seine Vielfalt zeigt und mit uns teilt. Ob im Beruf oder daheim, auf der Straße oder Weißgottwo.

Und heute hatte ich ein junges Mädchen, das im Laufe des Vormittags aus der Klasse geholt wurde, um mitgeteilt zu bekommen, dass sie nach dem Aufenthalt im Krankenhaus nicht mehr nach Hause zurück kommt. Zu schwierig sind die Lebensumstände dort, als dass sie einen Neuanfang im gewohnten Umfeld beginnen kann. Diese Schülerin kenne ich seit Montag. Sie war anfangs verhalten, schüchtern, versuchte, sich zurück zu ziehen und hielt wenig Kontakt zu ihren Mitschülern und mir. Nach und nach zeigte sie aber vermehrt Interesse, war weniger bockig und ließ sich sogar auf Matheaufgaben ein, die sie ‚in der Heimatschule verbrannt hätte‘. Gestern bekam sie dann ihre halbakkustische Gitarre auf Station mitgebracht. Seit 6 Jahren spielt sie und nimmt Gesangsunterricht. Und sie schenkte uns am Ende des Schultages zum Wochenende 10 Minuten ihres Talents. Nachdem sie ihre Tränen getrocknet und ihre Haare gerichtet hatte. Und was dann geschah, als sie anfing zu spielen, ist selten dort, wo ich arbeite. Die Tür ging auf, andere, nicht beschulbare Patienten kamen stumm in den Raum, Erzieher, Pfleger und Therapeuten setzten sich offenmundig zu uns an den runden Tisch und wischten sich leise über ihre Gänsehaut. Mir fehlten die Worte, ich bat alle mit einer leisen Geste zu uns und hörte einfach dieser unglaublichen Soulstimme einer 14jährigen zu, die all ihre Erfahrungen, Stimmungen und Gedanken in dieses eine Lied legte und uns zuhören machte. Losgelöst von Krankheit und Sorge.

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