Und Abschied ist immer nicht schön. Es bleibt das Gefühl, ein Wiedersehen nicht beeinflussen zu können. Abschied ist für mich ein fester Tagespunkt, auch wenn ich es nicht wirklich leiden mochte. Bisher.

Als ich anfing, an der Schule für Genesung Kranke zu arbeiten, wurde mir sehr schnell klar, dass ich mich mehrmals in der Woche von Menschen verabschieden muss, die ich doch gerade erst kennen gelernt habe. Und das Ganze auch unter widrigen Umständen: diese jungen Menschen befinden sich wohl am Tiefpunkt ihres Lebens, aus keinem anderen Grund wären sie sonst in meiner Klasse auf Station. Schule findet hier in einem wohlwollenden Schonraum statt. Platz ist da, um kreativ, fleißig, traurig, manchmal auch faul, lustig und hilfsbereit zu sein. Dieser Platz ist sofort da, denn die Schüler haben nur sehr wenig Zeit, sich auf die besonderen Umstände einer Krankenhausschule einzulassen. Diese gemeinsame Unterrichtszeit ist eine sehr intensive. Alle daran Beteiligten wissen um den tagesaktuellen Stand der Dinge. Dem einen geht es besser als dem anderen, im Verlauf der Schulvormittags kann plötzlich Traurigkeit aufkommen oder auch eine ganz arge Wut auf sich oder andere Menschen. In diesem Raum ist jedes Gefühl möglich. Indem ich jede Schülerin in ihrem Wesen anzunehmen versuche und sie sich erstaunlicherweise sehr schnell auf ein vertrauenswürdiges Verhältnis einlassen können oder wollen, gelingt es uns, einer effektive Zusammenarbeit nachzugehen. Dafür benötige ich als Lehrerin eine ehrliche Rückmeldung der Schüler, bezogen auf alle Belange, die der Unterricht und das Arbeiten in der Gemeinschaft mit sich bringt. Nur mit dieser Offenheit der Schüler kann ich auf ihre verschiedensten Bedürfnisse eingehen und ihnen einen angenehmen, zu bewältigenden Vormittag gewährleisten. Immer wieder bin ich erstaunt darüber, wie schnell und empathisch sich die Schüler auf die jeweilige Situation einlassen. Die wenigsten rechnen damit, direkt wieder an Schule teil nehmen zu können/ müssen und sind erst überrascht, wenn ich sie zu einem Erstgespräch mit in die Klasse einlade und abhole. Neben all den schwierigen Lebensumständen machen wir also Schule. Und das mit ganz viel Engagement, Ausdauer, Freude und Gelassenheit. Viele nutzen diese Zeit zur Ablenkung, zum Auffüllen ihrer Wissenslücken oder zur regelmäßigen Teilnahme nach monate- oder jahrelanger Abstinenz. Gerade heute kommentierte eine Schülerin, die unter anderem wegen schwierigem Verhalten in ihrer Heimatschule auf der Station ist, ihr Verhalten und ihre Motivation: ‚Wenn Sie wüssten, wie ich in meiner anderen Klasse abgehe, sie würden sicher weinen. So viel wie heute habe ich in den letzten Monaten nicht arbeiten wollen. Ich kenne mich selber kaum wieder.‘ Wenn solch ein Moment in den Köpfen der Schüler Einzug hält, freue ich mich besonders. Sie erleben sich plötzlich als produktiv, fleißig und spüren eine große Menge Eigenmotivation. Und die Erkenntnis, dass das Ganze Spaß macht, kommt von selbst – gegenseitige Anerkennung und Lobhudeleien stärken den Rücken der oft gebrochenen jungen Leute ganz schnell.

Und so intensiv wie sie sich selbst und ihr Umfeld in der kurzen Zeit wahrnehmen, so intensiv ist auch der Abschied. Meistens bekomme ich recht kurzfristig mitgeteilt, wenn ein Schüler die Station wechselt oder aus dem Krankenhaus entlassen wird. Heute bekam ich morgens in der Übergabe die Info, dass der afrikanische Schüler (s. voriger Artikel) zurück in seine Einrichtung darf. Im Laufe des Vormittags kam dann die Neuigkeit in die Klasse, dass eine weitere Schülerin die Station wechselt. Mir ist es seitdem ich denken kann ein großes Anliegen, dass ich die Menschen, denen ich in meinem Leben begegne, auf eine Weise verabschiede, dass ich damit auch gut leben kann. Es also nicht zulassen, dass ein Mensch nicht glücklicher ist, nachdem er mir begegnet ist (hat Mutter Teresa so gesagt, glaube ich). Das gelingt natürlich nicht immer. Keinesfalls. Aber im Beruf habe ich die Möglichkeit, die Abschiede in die Hand zu nehmen, sie zu steuern und damit ein bewusstes Ende der Zusammenarbeit zu setzen.

Jeder Schüler bekommt also am Ende einen kleinen Kieselstein geschenkt, auf den ein Wunsch gedruckt ist: Liebe, Glück, Freude, Mut oder Vertrauen. Ich wähle einen passenden Stein, fasse unsere gemeinsame, meist kurze Zeit zusammen und überreiche ihm den Stein. Anschliessend bekommt jeder, der mag, ein kleines Ständchen mit meiner Drehspieluhr gespielt, nachdem ich folgende Zeilen mit auf den Weg gegeben habe:

Für Dich soll’s rote Rosen regnen

Dir sollten sämtliche Wunder begegnen.

Die Welt sollte sich sanft verhalten

und ihre Sorgen für sich behalten.

In diesem Moment ist es noch stiller in der Klasse, als eh schon meistens ist(manchmal sogar zu still während des Vormittags). Ich hatte während der letzten 183 Verabschiedungen in diesem Schuljahr keinen Einzigen, der dabei geredet, gelacht oder Quatsch gemacht hat. Junge Leute, denen man vom Anblick her viele Dinge unterstellen mag, sind plötzlich ganz in sich und aufmerksam. Manchmal kullern Tränen, manche lächeln dabei – jeder der Anwesenden strahlt in seinem Blick etwas anderes aus: Andacht, Stille, Freude, Trauer, Weisheit… Das geht unter die Haut. Mir jedes Mal. Oft ist es, dass ich nach Wochen auf dem Gelände der Klinik ehemalige Schüler treffe und sie mir aus der Ferne zurufen: ‚Sie, ich habe übrigens noch Ihren Stein!‘ Oder in die Hosentasche greifen und sagen: ‚Sehnse. Den trag ich seitdem immer bei mir.‘ Selten, aber dennoch, kehren Schüler wieder in meine Klasse zurück und erzählen mir, dass sie den Stein weitergeschenkt haben an eine Person, die ihn in dem Moment sehr gut brauchen konnte. All das zeigt, dass auch kurze, kleine Lebensphasen sehr ernst genommen werden, wenn man sich in ihnen wohl fühlt, angenommen ist und dabei mit einer guten Portion Zuversicht beschenkt wird.

Und heute verabschiedete ich also den jungen Afrikaner. Der ‚Geduldete‘, der eine Woche bei mir im Unterricht saß und so fleißig war im  Deutsch lernen, im Mal- und Geteiltrechnen. Der sich in die Herzen der Mitschüler lachte und aktiv am Geschehen beteiligt war. Und bei dem nicht klar ist, ob er bald wieder abgeschoben wird oder nicht. Der Abschied von diesem Schüler war heute ein besonderer. Die Freude, dass es ihm seelisch besser geht und gleichzeitig das Wissen um die Ungewissheit, welche Zukunft er als völlig alleiner Mensch hier oder im Sudan hat. Diese gegensätzlichen Gefühle unter einen Hut zu bringen, ist schwer, zudem er sich verabschiedete mit folgenden Worten: ‚Ich weiß nicht was kommt, aber ich weiß, dass das hier alles gut war.‘

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