Und ein Kindersoldat aus dem Sudan in der Schule. Und für ihn der erste Tag in meiner Klasse. Wenn ich morgens in die Schule gehe, besuche ich direkt die Station auf der ich arbeite, um die Neuigkeiten der vergangenen Stunden zu erfahren. Welcher Schüler oder welche Schülerin ist noch da? Gibt es Besonderes bei ihnen zu beachten? Welche Patienten sind neu auf Station, welche darf ich auch sofort beschulen? Es vergeht kein Morgen, an dem ich nicht einen neuen Schüler in der Klasse sitzen habe. Um möglichst schnell einen guten Schulalltag mit ihm oder ihr gestalten zu können, bedarf es einer Übergabe, in der mir die Mitarbeiter der Station die Gründe des Aufenthalts im Krankenhaus erzählen. Das nennt man Kurzanamnese. Sicher nicht das Schönste, den Tag mit teilweise tiefgehenden Schicksalsgeschichten junger Menschen zu beginnen und oftmals die Gänsehaut schwinden lassen zu müssen, ehe ich dann in einem Erstgespräch die Schulgeschichte mit dem neuen Schüler durch spreche. An den Rhythmus habe ich mich gewöhnt: ich komme in die Klinik und freue mich darauf, den jungen Leuten Positives und glückliche Momente entlocken zu dürfen. Irgendetwas kleines eignet sich dazu immer. Und wenn ein trauriger, lebensmüder Schüler einmal gelächelt hat, so hat sich das Aufstehen für ihn und für mich schon wieder gelohnt.

Heute bekam ich einen Jungen in die Klasse, der aus dem Sudan stammt und seit weniger als einem Jahr in Deutschland geduldet ist. Er ist als Waise alleine auf einem Schiff aus Afrika geflohen, weil er sich dort schon sehr früh weigerte, als Kindersoldat ausgebildet zu werden. Viele schlimme Dinge sind ihm dabei widerfahren. Äußerlich und innerlich deutlich zu erkennen. Ein trauriger junger Mann, der hier Fuß fassen möchte. Bis zu seiner Flucht nach Deutschland hat er keine Schule besuchen können/dürfen. Sein Onkel brachte ihm Lesen und Schreiben bei. Hier in Deutschland besucht er normalweise eine Regelschule, in der Schüler mit Deutsch als Fremdsprache unterrichtet werden. Nun ist er aus Gründen bei uns in der Klinik und lernt und arbeitet in meiner Klasse. Fleißig arbeitet er heute an deutschen Grammatikregeln und mit erstaunlich guten Ergebnissen. Nur Mathe mag er nicht so gern: das hat er nämlich noch nicht gelernt.

An solchen Tagen stelle ich mir ab und an die Frage: welche Relevanz hat unsere Schulpflicht für junge Leute mit einer solchen Lebensgeschichte? Was bringt mein kleiner Unterricht diesem jungen Menschen, der an Erfahrung so viel reicher ist, als wir alle zusammen? Welch Kräfte muss er haben, um sich auf Banalitäten wie Possessivpronomen, Kurzgeschichten oder das kleine Einmaleins einlassen zu können? Und da entdecke ich in den Schülern immer wieder die Fähigkeit und das Verlangen, Mensch sein zu wollen und ein ganz normales Leben führen zu dürfen. Allgemeinbildung als Basis für das Normalsein. Runterbrechen auf rudimentäres Alltagserleben, damit das Leben in Gesellschaft gelingen kann. Gesellschaft bedeutet in unserer Schule auch schon die kleinste Klasse, sich einfinden in Strukturen, am Geschehen teilhaben und es aktiv gestalten. Und sei es, eine kleine Geschichte mit zu lesen und in gebrochenen Stichworten wieder zu geben. Mitschüler ansprechen, von ihnen ernst genommen zu werden, in die Verpflichtung genommen werden – das macht spürbar, dass man da ist. Da ist im Leben.

Ohne Druck und ohne Stress darf ich mit den Schülern durch den Vormittag gehen. Wir schreiben nämlich keine Tests oder Klausuren. Die Schülerrunde setzt sich momentan zusammen aus einem Schüler 10.Gymnasium, einem Schüler Förderschule Sprache Klasse 10, einer Schülerin Realschule Klasse 7, einer Schülerin Gesamtschule Klasse 9 und dem Schüler aus der Hauptschule mit Deutschförderung. So bunt wie diese Klasse ist an Lernanforderung, Krankheitsbildern, Schulzielen und Bereitschaft, so bunt sind auch die schönen Momentaufnahmen, die ich jeden Tag mit nach Hause nehmen darf. Die schlechten Momente versuche ich, im Klassenzimmer zu lassen. Spätestens aber mit dem Speisetablett in der Klinikkantine abzugeben.

Und heute hatte ich also auch die kurze Zeit, mit dem sudanesischen Schüler ‚Ubongo‘ zu spielen. Er gegen mich und ich gegen ihn. Die übrigen zwei Schüler illustrierten fleißig ihre Wandzeitungen. Der Rest war in Therapie oder auf Station. Und was mich an dem Spiel so bewegte, war, dass der Schüler plötzlich Kind sein konnte. Ein schon ein wenig älteres Kind, aber dennoch mit glücklichen und überraschenden Momenten, in denen seine Augen blitzten und er am Ende sagte: ‚Du, Frau Lehrerin, dieser Tag war gut.‘

P.S. Den Schüler aus dem letzten Artikel habe ich heute mit meiner ‚Zeremonie‘ (Beschreibung folgt) verabschiedet. Er darf stundenweise zurück an seine Heimatschule und freut sich so sehr auf die anstehende Stufenfahrt.

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