Und mein Job ist ein Job wie jeder andere. Wenn man es aus meiner Sicht beschreibt. Geregelte und sehr gute Arbeitszeiten. Pausen, die länger sein könnten und Kolleginnen, die Kolleginnen sind.

Wenn ich erzähle, was meinen Job inhaltlich ausmacht, ist es immer wieder eine kleine Herausforderung, den Fragenden oder den Zuhörer mit genau jenem Maß an Information zu versorgen, dass es ihn nicht überfordert. Überforderung ist hier das Stichwort. Was für mich in meinem Job nach einiger Zeit als normal galt, ist für andere schwer verdaubar, schwer nachvollziehbar. Schlimm ist schon allein der Einstieg ‚ich bin Lehrerin‘. Bääm! Hammer auf den Kopf, ohje, nicht schon wieder eine. Manchmal hoffe ich, dass nicht weiter gefragt wird, weil ich mich dann auch nicht damit weiter mit dem Thema Beruf beschäftigen möchte. Aber allermeistens erzähle ich gerne weiter, in welcher Schule ich Lehrerin bin. Weil es nämlich eine Schule ist, die sehr wenig im Fokus der Öffentlichkeit steht, da sie sich mit Tabuthemen wie Krankheit, Tod und Traurigkeit auseinandersetzen muss. Ich arbeite also an einer Schule für Kranke. Schule für Kranke heißt es tatsächlich offiziell, es gibt noch keinen bestätigten Euphemismus dafür. Sehr, sehr leider. Mein Vorschlag ist Schule mit dem Förderschwerpunkt Genesung. Aber das liegt ja nicht in meiner Hand. Wieder sehr, sehr schade. Hier findet nämlich eine Menge Genesung statt, differenziert auf unterschiedlichsten Ebenen und Formen. Und das ist der Punkt: als Lehrerin sehe ich in erster Linie meine Aufgabe darin, den Schüler oder die Schülerin mit entsprechender Erkrankung ernst zu nehmen, seine oder ihre Teilnahme am Unterricht trotz teilweise schwerer Erkrankung wert zu schätzen und Lernfreude aus ihnen heraus zu kitzeln. Das kann auf so unterschiedliche Weise geschehen, wie es unzählbare tolle Charaktere gibt. Und Charakter blinzelt immer wieder durch, egal, an welchem Tiefpunkt des Lebens sich der Mensch befindet.

Im Unterricht selber gibt es so viele kleine Momente, die es zu erinnern gilt. Die so intensiv und prägend sind, dass ich mir wünsche, dass die Schüler genau diesen Moment für sich behalten und für die Zukunft als kleinen Goldbarren in sich tragen. Ich will das mal an einem kurzen Beispiel erläutern: Jugendliche, die zum Beispiel wegen Drogenabhängigkeit und Schulabgängigkeit für lange Zeit nicht mehr an einem Unterricht teil genommen haben, kommen in der Regel erst einmal sehr skeptisch, misstrauisch und desillusioniert zu mir in die Klasse. Ihr Selbstwertgefühl ist wenig ausgeprägt, der Suchtfaktor spielt eine große Rolle, da sie nach einigen Tagen auf Entzug sind. Trotz dieser wirklich harten Erscheinungen,die oft begleitet sind mit familiären Belastungen, nehmen sie das Schulangebot an. Nähern sich zunächst mit verhaltener Begeisterung den Unterrichtsthemen und merken nach und nach, dass sie einen Schulvormittag bewältigen können. Wichtig hierbei ist, dass die Klassengröße auf acht Schüler begrenzt ist. Das heißt ich habe einen recht guten Überblick über die Unterrichtssituation, kann mich dem einzelnen Schüler mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen zuwenden. Zudem ist es normal, dass diese Klasse Schüler und Schülerinnen aller Schulformen und Altersstufen zusammen unterrichtet werden. Wenn dann also die Hürde genommen ist, einen Schulvormittag zeitlich zu bestehen, schraube ich ungemerkt die Leistungsanforderungen hoch. Das bekommt fast kein Schüler mit. (hehehe). Vielmehr entwickeln sie eine Lernfreude, freuen sich über Lob, Anerkennung, schauen vermehrt am Verhalten anderer Schüler ab und lernen somit gegenseitig unglaublich viel. Eine Schülerin auf Entzug kommentierte einmal ‚Wie krass das ist, dass ich doch rechnen kann und Schule nicht ganz so scheiße doof ist, wie ich dachte!‘. Ein anderes Mädchen, das mehrere Monate obdachlos lebte, machte sich nach 2 Wochen Gedanken darüber, dass sie ja demnächst wieder einen Schulranzen bräuchte, weil sie sich vor den neuen Klassenkollegen nicht lächerlich machen wolle. Gedankenprozesse finden statt, zwischen Bruchrechnung und englischem Grundwortschatz, die so kostbar sind und der Zuversicht den Weg pflastern.

Es gibt so viel mehr zu berichten über diese Schulform, über das Arbeitsleben und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus und Therapeuten. Das werde ich auch noch tun.

Warum ich gerade _heute_ auf den Gedanken kam, über meinen Job zu bloggen, ist ganz einfach: auf der Rückfahrt erinnerte ich eine Situation aus dem heutigen Schultag, der mir im Nachhinein noch einmal Gänsehaut schenkte. Und zwar dieser: aus einem Schüler, der des Lebens sehr überdrüssig war und zu Beginn in meiner Klasse sehr traurig war, platzte es also heute bei der Berarbeitung eines Plakats zum Thema Wirtschaftaufschwung ‚China‘ heraus: ‚Mir geht es gut, Frau… Und das macht mir Angst.‘  – ‚ Warum macht Dir das Angst, wenn es Dir gut geht? Ich freue mich dann immer.‘ – ‚Weil ich nicht weiß, warum ich so glücklich bin.‘ – ‚Muss man wissen, warum man glücklich ist?‚ – ‚Ich weiß es nicht. Aber ich vermute, weil heute die Sonne scheint und ich zum ersten Mal seitdem ich hier bin, raus gehen darf.‘

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