Und Courage ist schwierig. Sie entblößt, macht offenbar, wirkt oppositionell, macht angreif- und verwundbar. Courage verursacht Herzklopfen, das das Sprechen und Handeln stumm schaltet. Deshalb ist sie so selten. Deshalb wird wenig darüber geredet und deshalb bleiben Situationen und Erlebnisse ungerecht.

Ungerecht behandelt wurde heute der Mann fortgeschrittenen Alters, der heute an einem kühlen und verregneten Tag seinen Pullover auszog und seine Hosen herunter. Er machte das, um sich waschen zu können. An einem Brunnen mitten in der Innenstadt. Begleitet von vielen Blicken verwunderter Passanten und sorgenvollen Gesprächen hinter vorgehaltener Hand. Niemand erboste sich, niemand sprach ihn an.
Jemand aber zückte sein Handy. Aus sicherer Entfernung und mit hämischem Lachen. Seine Freundin telefonierend und feixend. Hätte sie ihre Hände frei gehabt, hätten diese wohl die Schenkel geklopft und auf den Mann gezeigt. Er wurde von dem Pärchen gefilmt. Er wurde nicht gefragt. Und ich bin mir sicher, dass er genutzt wurde, um für Likes, für Anerkennung, für Lacher zu sorgen.
Das ist so falsch und schreit mit seinem gellenden Zeigefinger zum Himmel.

Von mir angesprochen auf die Tatsache, dass sie dabei seien, einen fremden Menschen zu filmen und ihn zu verspotten, begegnete mir der gepflegte, junge Mann mit Schulterzucken und einem “Ist mir doch egal. Ist doch lustig.” Er hielt weiter seine Handykamera auf den hilfsbedürftigen Menschen. Seine adrette Freundin telefonierte weiter. Bis ich mich ins Bild stellte und meinem Ärger Luft machte. Hinweisend auf die eh schon erbärmliche Situation, appellierend an ihr Gewissen und mit der Bitte, daran zu denken, dass jeder Mensch in solch eine Lage geraten könne.
“Geh weiter! (… nee, ich meine nicht Dich. Hier steht so eine komische Frau vor uns…)”. Und ich ging weiter. Ein kleines Stück nur, bis ich mich umdrehte und sah, dass ich nicht alleine war. Ein Passant meines Alters sprach nun auch mit dem Paar und wies sie auf die Problematik hin. Gestik und Mimik zeigten deutlich sein Missfallen. Der junge Mann steckte das Handy weg. Was schließlich mit dem Material gemacht wird, das weiß ich nicht und kann ich nicht weiter beeinflussen. Das kann ich mir nur wünschen.

Und was tat die Courage dabei? Sie tat, was oben beschrieben. War zunächst unangenehm und bohrte. Mit Abstand und einem Pseudonym hinter einem Bildschirm auf einer Plattform als mahnender Kommentar wäre sie einfacher zum Einsatz gekommen. Physische Courage von Angesicht zu Angesicht bedarf körperlicher Anstrengung, das wurde mir wieder klar.
Sie tat aber auch Gutes: sie regte zum Nachdenken an, forderte unbewusst andere zum Mithandeln auf und hinterließ einen Abdruck. Wenn auch nur einen kleinen, der nur ein erster sein soll. Ein erster Abdruck, der den Weg weisen soll hin zu einem verantwortungsvollem Umgang miteinander. Wertschätzend und berücksichtigend. Immer reflektierend. Das wird ein langer Weg, ein schwieriger Weg bis dahin.
So schwierig wie Courage sich vorher anfühlt und nachher ein beruhigendes Gefühl ausbreitet. Wenn man mal couragiert gehandelt hat, wächst Mut.

Und der gibt alles, damit Courage normal sein kann und Häme komisch.

Und wo Inklusion auch hin muss, das wird erst langsam klar. Inklusion wird vielfach diskutiert, es wird darüber debattiert in Politik und Wissenschaft, in Schulen und in Professionen, die sich damit auseinandersetzen dürfen. Es geht dabei viel hin und her, es scheint, als ob Inklusion noch ein ganz weites Stück entfernt ist von dem, was sie einmal bewirken soll: zusammen sein, zusammen arbeiten, zusammen lernen, zusammen einkaufen, zusammen an der Ampel stehen, zusammen in der Warteschlange stehen, zusammen im Restaurant sitzen, zusammen im selben Viertel wohnen, es zusammen schaffen.

Damit das klappen kann, ist es wichtig, dass die Basis stimmt. Und die Basis sind so wie in vielen Fällen: wir.
Wir sind dafür verantwortlich, wie die ersten Schritte gemeinsam mit der Inklusion gegangen werden. Das bin ich, das bist Du, das ist der Nachbar, mit Gehhilfe, das ist das Kind mit geistiger Behinderung, das ist der junge Mann im Rollstuhl, das ist die Frau mit Sehbehinderung, das sind die alten Menschen. Wir sollten das Gemeinsame jetzt schon angehen und nicht erst darauf warten, bis sich Politik und Wissenschaft darauf geeinigt haben, finanziell und auf Basis rechtlicher Normen unsere Inklusion zu gestalten.
Wir haben jetzt schon die Möglichkeit, maßgeblichen Einfluss darauf zu nehmen, wie wir in Zukunft alle zusammen leben möchten.
Das fängt im Kleinen an: aufmerksames Hinsehen und Aufeinanderzugehen. Hilfe anbieten und Hilfe annehmen können. Ehrliche Worte austauschen, die das Gegenüber nicht verletzen. Partnerschaftliche Demokratie als Wegweiser für unser großes Vorhaben.

Vor kurzem war ich in einer Stadt im Bergischen und traf dort auf der Straße zufällig viele Menschen, mit denen ich zu Beginn der Jahrtausendwende Unterricht in einer Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung machte. Wobei das Zufällige in dieser Stadt eigentlich Gesetz ist: in dem Ort gibt es viele Einrichtungen und Schulen und Werkstätten, die Platz bieten für Menschen mit Behinderungen. Der Ort hat sich gut eingerichtet, man lebt miteinander und erlebt zusammen den Alltag. Bankangestellte zum Beispiel stellen sich darauf ein, dass zur Monatsmitte hin sehr viele Menschen an den Schalter kommen und sich 10 Euro von ihrem Konto abheben lassen. Der Eismann kann Bestellungen von Menschen mit sprachlichen Schwierigkeiten sehr gut in Kugeln umsetzen. Ärzte verfügen über das entsprechende Vokabular, Menschen mit einfacherem Verständnis über ihre gesundheitliche Situation aufzuklären.
Das klingt alles wunderbar. Das ist es auch. Einziges Manko: das ist nicht in ganz Deutschland so. Überall dort, wo seit Jahren zentralisierte Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen Plätze gefunden haben, haben sich die Menschen damit auseinandergesetzt und es in eine passende Form gebracht. Mit viel Arbeit, mit vielen Diskussionen, mit Selbstreflektion und mit großer Ausdauer. Sicher gibt es das auch noch in optimierter Art und Weise. Wichtig ist, dass die Umsetzung der Inklusion eine Realität findet. Und zwar in jedem Ort und jedem Haus.

Warum ich gerade heute auf das Thema komme, hat folgenden Hintergrund: das Fernsehprogramm liefert in regelmäßigen Abständen Formate, in denen Menschen vorgeführt werden. Die unwissentlich Platzhalter für Komik und Skurrilität werden. Die Gründe für die Ausstrahlung solch mittelalterlicher Zurschaustellungen sind mir noch unbekannt. Vielleicht kann mich ja mal jemand darüber aufklären, welchen Mehrwert der Zuschauer oder die Zuschauerin zum Beispiel durch “Schwiegertochter gesucht” erfährt.
Ich halte diese Idee von Fernsehinhalten für destruktiv, was unser Vorhaben der Inklusion angeht. Genau genommen wird dabei das Gegenteil erzielt: Menschen, die sich anders verhalten, die anders aussehen, die sich anders kleiden, die anders sprechen, werden hier zu einem bunten und gern gesehenen Spielball unseres Voyeurismus. Der Abstand wird größer, die Kluft unüberwindbarer. Es ist kaum vorstellbar, dass Inklusion mittels solcher Sendungen überhaupt einmal stattfinden kann. Es wird über die Menschen in diesen Sendungen öffentlich gelacht, es wird mit dem Finger darauf gezeigt und sich auf die Schenkel geklopft. Fehler der anderen werden zur Lachnummer unseres sonntäglichen Fernsehabends. Wie sich die Protagonisten der Sendungen fühlen, wenn sie sich selbst dann im Fernsehen sehen, das fragt keiner. Das will auch sicher niemand wissen. Da wird es nämlich dann sehr unangenehm. Das passt nicht zu Salzstangen, Bier und Twitter.

Denken ist an diesem Punkt nicht schlecht: denkt an die zukünftigen Klassen Eurer Kinder. Denkt daran, dass wir zukünftig auf Elternabenden mit Eltern zu tun haben werden, die womöglich dem Format der RTL-Sendungen entsprungen sind. Denkt daran, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten müssen, wollen, dürfen. Dass unsere Kinder von der Schule nach Hause kommen und davon berichten, wie sich jemand außerordentlich benommen hat. Stellt Euch jetzt schon die Frage, wie Ihr damit umgehen wollt. Wie Euer Leben durch Inklusion eine Bereicherung und weniger ein Kampf mit Neuartigem werden kann.
Ich kann mir gut vorstellen und wünsche es mir umso mehr, dass sich das Selbstverständnis eines Zusammenzulebens umsetzen lässt.

Dazu brauche ich Eure Hilfe. Dazu braucht Inklusion genau Dich.

Und ab morgen bin ich in meinem Sabbatjahr. Ab morgen habe ich 1 Jahr lang keinen Unterricht zu gestalten. Ab morgen habe ich 1 Jahr lang Zeit, aus dem Beruf zu sein. 1 Jahr lang raus aus dem Umfeld, das mich in den vergangenen 5 Jahren so geprägt und beeindruckt hat. Raus aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie und raus aus der Rolle der Lehrerin.

Ab morgen lege ich eine lange Pause ein. Eine Pause, die mir helfen soll, mich zu regenerieren, den Kopf grade zu rücken und wieder einen echten Blick dafür zu bekommen, was gesunde Kinder sind. Wie gesunde Jugendliche leben und was deren Alltag ausmacht. Ein Jahr, auf das ich mich seit 2 Jahren gefreut habe. Für das ich mich frei entschieden habe, als mir in Erinnerung kam: ‘Sorgen Sie für sich selbst.’

Je näher dieser vorerst letzteTag rückt, desto mehr denke ich über die letzten fünfeinhalb Jahre nach. Überlege, wem ich begegnet bin, welche Erlebnisse in meinem Klassenraum statt fanden, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen: Sprüche und Fröhlichkeiten, Ernsthaftigkeit und Tod, Lebenwollen und Aufgeben.

Wie groß meine Sorge zu Beginn war, in einer Kinder-und Jugendpsychiatrie als Lehrerin zu arbeiten, das ist mir noch nahe. Wie kann man denn Menschen unterrichten, die am schlimmsten Punkt ihres Lebens sind? Wie kann man einen Schultag gestalten auf der Intensivstation, die abgeschlossen, geschützt ist vor dem Rest der Welt? Kann ich dabei in Gefahr geraten? Beherrsche ich denn alle Unterrichtsinhalte, die Schülerinnen und Schüler aller Schulformen und Altersklassen in dem Moment lernen sollten? Und überhaupt: Mathematik?

Diese Sorgen konnte ich schnell vergessen. Dabei geholfen hat mir das Team der Intensivstation, das mir von Beginn an Vertrauen schenkte und vor allem viele offene Ohren. Das tat so gut. Nach dem Unterricht ins Stationszimmer gehen und das los werden, was stark auf die Seele drückte. Nachfragen und besonders bei Krankheitsbildern noch einmal ein genaues Bild bekommen und verschiedene Verhaltensweisen erklärbar machen. Dabei immer eine gute Portion Humor und eine große Anerkennung meiner Leistung als die Lehrerin ihrer Station. Ich bin sehr dankbar, dass ich in solch einem Team arbeiten darf.

Und all das, was mir begegnete und all das, was mich in den Schuljahren so sehr bewegte, bedurfte einer Kraft, die ich vorher von mir noch nicht kannte. Ich kann auch heute diese Kraft nicht genau benennen, sie setzt sich eher zusammen aus verschiedenen Sachen, die eine Art Tuch ergeben. Ein Tuch, das sich mir  in der Zeit als Lehrerin stützend und wärmend um meine Schultern legte. Wohlwollen, Fröhlichkeit, Lebensfreude und Verständnis, Zuwendung und Aufmerksamkeit, Ruhe und Klarheit, Strenge und Fairness. All das in einer Art partnerschaftlichen Demokratie im Klassenmiteinander. Verantwortung übernehmen und Verantwortung genau da überlassen, wo sich der Patient oder die Patientin imstande fühlt. Ein leises Zurückführen in den Alltag mit Hilfe von Lernerfolgen und Stärkung von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.

Mit diesem bunten Tuch an reichem Inhalt habe ich es geschafft, um die 900 Schülerinnen und Schüler kennen zu lernen, mit ihnen über kurz oder lang durch einen Schulalltag zu gehen, der ihnen Mut zum Weitermachen schenken konnte. Wie oft habe ich erlebt, dass sich ein Schüler dem Unterricht komplett entsagen wollte und sich selber nichts zutraute. Dann aber im Laufe der Zeit merkte, dass er sich Gutes tun kann und sich sogar über Leistungen freuen kann.

Ich erinnere den einen Schüler, der monatelang nicht sprach mit den Mitarbeitern der Station. Der sich runtergehungert hatte auf ein Drittel seines Normalgewichts. Der seine Spucke nicht schluckte und sie dafür im Mund sammelte, so dass er Hamsterbäckchen hatte. Mit dem Tag, an dem er zu mir in die Klasse kam, taute er ein wenig auf. Mein einziger Anspruch war, einen guten Schultag mit ihm zu erleben. Ich wollte nichts wissen von seiner Essstörung, seinem Mutismus und seiner eingeschränkten Gangart. Ich wollte mit ihm Schule machen. Und das klappte: er begann flüsternd mit mir zu reden, immer auf der Hut, seine Spucke nicht zu verlieren. Das klang sehr komisch und das sah noch komischer aus. Aber er sprach. Und er arbeitete mit. Auf seine Weise, recht eigen. Aber zielorientiert und mitunter mit einer Portion Humor. Meinen Namen weigerte er sich zu sagen bis zu dem Tag, als er einmal auf seinen Stuhl urinierte. ‘Frau Knixibix, ich habe gepinkelt.’

Und dann war da noch der Junge, der sich in meine Schnecke Charlotte verliebte.

Und das Mädchen, das sich auf der Station fast erfolgreich stranguliert hätte.

Der Junge, der plötzlich laut loslachte.

Meine Erfahrungen und Begegnungen von Schülern mit ADHS (oder auch nicht).

Junge Menschen, denen in der Psychiatrie auch dank des Internets der schönste Tag in ihrem Leben geschenkt wurde.

Wie gut es ist, wenn man Blinker setzen kann und in eine andere Richtung gehen kann.

Wie sehr mir Blümchen geholfen haben, den Unterricht zu einem guten zu machen.

Als mir selber Zuwendung in mehrfacher Hinsicht begegnete und mir das so gut tat bis heute.

Es gab Tage, da gruselte es mich selber.

Der afrikanische Kindersoldat, der mich fast sprachlos machte und Glück in die Klasse brachte.

Mut als Mittel der Wahl von jungen Menschen eingesetzt, den Lebenswillen wiederentdeckt.

Meine Bitte, die jeder kennen sollte.

Wie mir deutlich wurde: ich habe den besten Job der Welt. Ich lerne so viele Menschen kennen, die mir ihre Talente zeigen.

Und dass man einige Ansprüche an diesen Beruf gar nicht lernen kann.

 

 

An Tagen, an denen ich schwere Last oder beeindruckende Erlebnisse mit nach Hause nahm, da halfen mir Gespräche. Reden mit Familie und Freunden. Austausch und Loswerden der Dinge, die auf die Stimmung drücken können. Das tat gut und erleichterte mir den Blick für mein eigenes, schönes und gesundes Leben.

Was mir dabei noch half, das war das Bloggen. Über das zu schreiben, was in mir brennt, das war die richtige Entscheidung. Mitteilen und verbreiten. Gelesen werden und Zuspruch bekommen. Das hilft. Und das gibt Kraft und Laune auf mehr. Mehr von dieser Art Arbeit. Mehr von Begegnungen mit besonderen Menschen. Mehr von Erlebnissen, die wertvoll sind und die ich behalten möchte. Danke sehr.

Jetzt bin ich erst einmal raus aus diesem Alltag. Werde mich zurecht finden müssen in einem Tag, der für mich ist. Den ich selber gestalten kann. Der nicht beginnt mit schrecklichen Anamnesen und Schicksalsberichten, die einem fast das Herz zerreißen. Ich werde aufamten und schauen. Die Augen ganz weit aufmachen und sehen, was kommt. Es wird aufregend und neu. Das weiß ich schon jetzt.

Und ich freue mich drauf.

‘Und Arbeit am offenen Herzen – das ist nicht unsere Aufgabe.’ sagt heute meine Kollegin zu mir als wir uns über ihre Vertretung in der Klasse der Drogenentzugsstation unterhalten. Sie ist seit ein paar Wochen für eine Kollegin eingesetzt, die erkrankt für den Rest des Schuljahres ausfällt. Sie entschärft dadurch die Schwierigkeit, Unterricht zu gestalten für Schülerinnen und Schülern, die sich gerade in der Psychiatrie befinden. Arbeit am offenen Herzen, das machen wir nicht – ich stimmte ihr zu und fand den Gedanken erleichternd.

Und je mehr ich den ganzen Tag über diesen Satz nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, wie sehr wir eben doch an offenen Herzen arbeiten. Nicht am physischen Herzen als Kardiologin sondern an dem Herzen, das den Schülerinnen und Schülern so offen liegt, während sie bei uns in der Klinik sind. Sie sind dabei so nah an der Grenze zum Unmöglichen, so nah bei sich selbst und so nah an Empfindlichkeiten, dass ein kleiner Auslöser das Herz zum Poltern bringt. Das Poltern kann laut sein und Krach machen. Es kann leise sein und Tränen bedeuten. Es kann stumm machen und antriebslos sein. Es kann Mut machen und Zuversicht schenken. Das Herz ist da. Und es arbeitet. Offen oder nicht.

Und was mein Herz bei der Arbeit macht, das habe ich heute deutlich gespürt. Zurück aus entspannten und ruhigen Osterferien und betankt mit neuer Energie hat mein Herz gestern und heute schon wieder gut funktioniert. In Zusammenarbeit mit Erfahrung und dem Verstand, der stets sein Dasein einfordert, hat es mir besonders heute geholfen, Situationen zu lösen und Krisen zu erkennen.

Der Schüler, der nur noch diese eine Chance hat, um zu zeigen, dass er sich ändern möchte und mitarbeiten will, weil sonst das Gefängnis sein nächster Aufenthaltsort sein wird, schillerte in diesen beiden Tagen in vielen Farben. Seit 2 Jahren nicht zur Schule gegangen, die freie Zeit mit Cannabis und Rumhocken und Verbrechen verbracht, empfing ich ihn gestern zum Erstgespräch in meiner Klasse. Alleine und die Grundlagen klärend, wollte ich ihm so wie ich es allen anderen Neuen in meiner Klasse auch erkläre, die Sorge nehmen. Die Sorge vor dem Neustart, dem Eingeständnis, sich nicht gut getan zu haben in den vergangenen Monaten und vor dem Schatten, der sich drohend aufrichtete und er drüber springen sollte. Das hat gestern nicht geklappt. Er gestikulierte wild, verstand meine Worte nicht, verdrehte sie so, dass sie ihm zum Nachteil erschienen. Er wurde laut und abwertend. Verweigerte schließlich die Kommunikation. Sein Herz so offen, dass er sich davor warf dicht machte und strudelte. Würde ich ein Bild malen müssen, ich würde einen Ertrinkenden malen. An solch einer Stelle bleibt mir nicht mehr, als das Gespräch abzubrechen, ihm zu vermitteln, dass mein Unterrichtsangebot so nicht aufrecht erhalten werden kann. Und wir morgen weiter sehen werden.

Und heute, da hatte er es zunächst auch wieder sehr schwer. Im Arztgespräch wurde ihm noch einmal vor Augen geführt, dass seine Verweigerung im Gefängnis enden würde. Seine Chance, dem zu entgehen, sei immer noch da. Aber geschmälert. Ich entschied für mich, ihm heute noch einmal die Möglichkeit zu bieten, seinen Schatten zu konfrontieren und ins kalte Wasser zu springen. Natürlich verstehe ich die Position eines Menschen, der kurz davor steht, sich eingestehen zu müssen, dass wohl von seinem Erlernten nicht viel übrig sein kann, wenn er 2 Jahre so verbrachte wie dieser Schüler. Wie konfrontativ und erschreckend ehrlich so eine Situation sein muss, das möchte ich nicht selbst erleben. Aber ich bin immer wieder Zeugin solcher Momente und dabei auch diejenige, die den Spiegel vorhält und die Wahrheit mit in die Klasse bringt. Genau da komme ich wieder auf mein Herz zurück, das dann gefordert ist: ohne den bewussten Einsatz und das Wissen um mein kräftiges, gesundes Herz mit der Energie für offene, verletzte und verwundete Herzen, wäre diese Situation wohl schwerlich zu lösen. Das Aufbäumen in Worten und Beschuldigungen in Form von Verächtlichkeiten versuche ich damit zu mildern. Oft sage ich nichts. Gebe stumme Impulse, manchmal zeige ich Verständnis, manchmal bin ich streng. Ich lobe kleinste Fortschritte und freue mich mit Worten und Lächeln über uns selbst. Und immer wieder das Ernstnehmen der Lage, in der sich der Schüler momentan befindet. Bei jedem Schüler anders.

Der Schüler schaffte den Schultag schließlich heute komplett. Er igelte sein Herz wohlig ein in seine Erkenntnis, dass es gar nicht so schlimm ist, wieder zur Schule zu gehen. Er freute sich über meine steten Rückmeldungen, ähnlich eines Pacemakers oder Boxtrainers in der Ringecke. Nur nicht so laut. Er schaffte Aufgaben und forderte Aufgaben ein. Er ging aufrecht und mit einem Gruß zurück auf die Station. Erleichtert wirkte er. ‘Bis morgen dann! Ich freu mich drauf!’

Wie gut da zwei Herzen heute gearbeitet haben. Und nun ein wenig Ruhe verdient haben.

Und Risiken mit Nebenwirkungen. Darüber mache ich mir derzeit Gedanken. In meiner Freizeit, in meinem Job, in meinem Leben. Alles birgt Risiken und alles kennt Nebenwirkungen. Auch das Schöne und das Gute. Kein Tag, an dem ich nicht profitiere von dem was ich tue und von dem, was mir begegnet. Kein Tag, an dem ich nicht überlege, was ich eigentlich tue. Besonders in meinem Beruf. 

In meinem Job lebt alles von Krankheit und Andersartigkeit. Aus dem Rahmen fallen und aufgefangen werden. Trotzdem ausfallen und in dem Wahnsinn des Lebens weiter machen. Kräfte werden eingesetzt und gedämpft. Wille und Einsatz kämpfen für einen Wendepunkt im jungen Leben, das für den Moment im Krankenhaus gelebt wird.

Manchmal falle ich auch aus. Dann ist mein Rahmen gesprengt, mein Fass voll mit dem Rauschen in meinem Kopf. Abwehrkräfte habe ich genug, sie sind so fit, dass ich noch nicht einmal eine Herbsterkältung oder eine Frühjahrsgrippe bekomme. Wenn es zu viel ist, dann meldet sich bei mir der Rücken. Er zeigt mir mit einem heftigen Stich, dass jetzt genug ist. Dass die Bewegung im Raum und in der Zeit ausgesetzt werden muss und eine Pause eingelegt werden muss. Ich fange an, danach die Uhr zu stellen und das habe ich erst jetzt erkannt: mein Beruf ist hart. Das einzugestehen fällt mir nicht leicht. Denn 5 Jahre als Lehrerin in einer Psychiatrie sind so schnell vergangen und zeugen von so viel Abwechslung und Erfahrung, dass ich die Jahre nicht gemerkt habe. Aber die Geschichten und Vorfälle, die mir begegnen, die fressen sich rein. In meinen Körper und in meinen Geist. Und immer wieder blockiere ich mich selber, indem ich denke: “Da muss ich jetzt durch. Da kann man nix machen als weiter.” 

So wie vergangene Woche. 5 Schulstunden zusammen mit der Klasse und gut gestimmt in die große Pause gegangen, kehre ich zurück für den Nachmittagsunterricht. Aber alle meine Schüler kann ich nicht wieder mitnehmen. Eine Schülerin hat in den 45 Minuten Auszeit der Schule auf Station eine Batterie aufgebissen und sie ausgelutscht. Verätzungen im Mund und in der Speiseröhre, zudem riss sie sich einen Zehennagel aus. ‘Ich spüre Schmerzen anders als Sie.’ Sie wurde ins Kinderkrankenhaus gebracht und ich darüber informiert. In solchen Situationen legt sich bei mir ein Schalter um und ich agiere in Ritualen und Mustern, die bereits verankert sind in meiner Intuition. Ich versuche, das Unglaubliche als Normalität in meinem Berufsalltag abzutun und professionell zu handeln, indem ich die restliche Klasse beschule. Das ist aber falsch. Ich müsste anders handeln und einen Schnitt machen. Den Schultag beenden und ordnen, was da gerade durcheinander geraten ist. Bei mir. Von selber bin ich da nicht drauf gekommen. Das sagt mir mein Körper. 2 Tage später sitze ich im Flieger in Richtung Wochenende und ich merke, dass sich der Rücken meldet. Und er schreit. So lange und so laut bis ich mich am darauf folgenden Tag entschließe, mich 2 Tage krank schreiben zu lassen. Bewegungsunfähig geht das sowieso nicht, die Seele aber braucht auch ihre Auszeit. 

Die Risiken meines Berufes sind zunächst offensichtlich: jemand könnte in seiner Erkrankung ausrasten, jemand könnte mich bedrohen, um aus dem geschlossenen Bereich zu kommen. Jemand könnte sich selbst schwer verletzen im Unterricht. Jemand könnte alles tun. Und dann gibt es noch die Risiken, die verborgen sind. Die erst Zeit brauchen, um erkennbar zu sein. Sie sind leise und nur durch Einsicht offenbar. Entlarvt und ausgesprochen werden sie kleiner. Das Risiko, sich mit dem Beruf zu übernehmen und sein Leben damit auf den Kopf zu stellen, das ist enorm. Ich habe erkannt, dass Auszeiten nötig sind, wo es kein Hilfesystem gibt. Denn es gibt keine Unterstützung in Form von Supervisionen speziell für diesen Bereich. Das Land setzt Lehrerinnen und Lehrer auf eine Stelle, die vollgepflastert ist mit Nebenwirkungen, die erst nach ein paar Jahren erkennbar sind. Einen Ausbildungsgang für diese Schulform gibt es nicht. Es kommt auf den Selbstversuch an. Es kommt auf den Grenzgang an.

Aber das Rauschen im Kopf wird langsam zu einem Vorfreuderauschen auf das, was in 4 Monaten auf mich zukommt: ich werde ein Freistellungsjahr antreten, auf das ich 2 Jahre lang hingespart habe. Ich werde 365 Tage lang nicht arbeiten gehen, keine kranken Kinder unterrichten und keine schlimmen Geschichten hören müssen. Ich werde Abstand gewinnen und meine Reservetanks auswechseln. Kleinere einsetzen, damit ich schon früher merke, wenn etwas zu viel ist. 

Und die Risiken und Nebenwirkungen haben jetzt ein Gesicht. Und damit sind sie umgänglich und fassbar. Damit sind sie erträglicher.

 

PS: Mein großer Dank geht an meine Osteopathin. Sie nimmt sich dann spontan Zeit und renkt ALLES wieder ein. Sie tapet meinen Rücken und es fühlt sich an wie eine Decke, die sorgend und zuversichtlich zugleich um die Schultern gelegt wird. 

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