Und Risiken mit Nebenwirkungen. Darüber mache ich mir derzeit Gedanken. In meiner Freizeit, in meinem Job, in meinem Leben. Alles birgt Risiken und alles kennt Nebenwirkungen. Auch das Schöne und das Gute. Kein Tag, an dem ich nicht profitiere von dem was ich tue und von dem, was mir begegnet. Kein Tag, an dem ich nicht überlege, was ich eigentlich tue. Besonders in meinem Beruf. 

In meinem Job lebt alles von Krankheit und Andersartigkeit. Aus dem Rahmen fallen und aufgefangen werden. Trotzdem ausfallen und in dem Wahnsinn des Lebens weiter machen. Kräfte werden eingesetzt und gedämpft. Wille und Einsatz kämpfen für einen Wendepunkt im jungen Leben, das für den Moment im Krankenhaus gelebt wird.

Manchmal falle ich auch aus. Dann ist mein Rahmen gesprengt, mein Fass voll mit dem Rauschen in meinem Kopf. Abwehrkräfte habe ich genug, sie sind so fit, dass ich noch nicht einmal eine Herbsterkältung oder eine Frühjahrsgrippe bekomme. Wenn es zu viel ist, dann meldet sich bei mir der Rücken. Er zeigt mir mit einem heftigen Stich, dass jetzt genug ist. Dass die Bewegung im Raum und in der Zeit ausgesetzt werden muss und eine Pause eingelegt werden muss. Ich fange an, danach die Uhr zu stellen und das habe ich erst jetzt erkannt: mein Beruf ist hart. Das einzugestehen fällt mir nicht leicht. Denn 5 Jahre als Lehrerin in einer Psychiatrie sind so schnell vergangen und zeugen von so viel Abwechslung und Erfahrung, dass ich die Jahre nicht gemerkt habe. Aber die Geschichten und Vorfälle, die mir begegnen, die fressen sich rein. In meinen Körper und in meinen Geist. Und immer wieder blockiere ich mich selber, indem ich denke: “Da muss ich jetzt durch. Da kann man nix machen als weiter.” 

So wie vergangene Woche. 5 Schulstunden zusammen mit der Klasse und gut gestimmt in die große Pause gegangen, kehre ich zurück für den Nachmittagsunterricht. Aber alle meine Schüler kann ich nicht wieder mitnehmen. Eine Schülerin hat in den 45 Minuten Auszeit der Schule auf Station eine Batterie aufgebissen und sie ausgelutscht. Verätzungen im Mund und in der Speiseröhre, zudem riss sie sich einen Zehennagel aus. ‘Ich spüre Schmerzen anders als Sie.’ Sie wurde ins Kinderkrankenhaus gebracht und ich darüber informiert. In solchen Situationen legt sich bei mir ein Schalter um und ich agiere in Ritualen und Mustern, die bereits verankert sind in meiner Intuition. Ich versuche, das Unglaubliche als Normalität in meinem Berufsalltag abzutun und professionell zu handeln, indem ich die restliche Klasse beschule. Das ist aber falsch. Ich müsste anders handeln und einen Schnitt machen. Den Schultag beenden und ordnen, was da gerade durcheinander geraten ist. Bei mir. Von selber bin ich da nicht drauf gekommen. Das sagt mir mein Körper. 2 Tage später sitze ich im Flieger in Richtung Wochenende und ich merke, dass sich der Rücken meldet. Und er schreit. So lange und so laut bis ich mich am darauf folgenden Tag entschließe, mich 2 Tage krank schreiben zu lassen. Bewegungsunfähig geht das sowieso nicht, die Seele aber braucht auch ihre Auszeit. 

Die Risiken meines Berufes sind zunächst offensichtlich: jemand könnte in seiner Erkrankung ausrasten, jemand könnte mich bedrohen, um aus dem geschlossenen Bereich zu kommen. Jemand könnte sich selbst schwer verletzen im Unterricht. Jemand könnte alles tun. Und dann gibt es noch die Risiken, die verborgen sind. Die erst Zeit brauchen, um erkennbar zu sein. Sie sind leise und nur durch Einsicht offenbar. Entlarvt und ausgesprochen werden sie kleiner. Das Risiko, sich mit dem Beruf zu übernehmen und sein Leben damit auf den Kopf zu stellen, das ist enorm. Ich habe erkannt, dass Auszeiten nötig sind, wo es kein Hilfesystem gibt. Denn es gibt keine Unterstützung in Form von Supervisionen speziell für diesen Bereich. Das Land setzt Lehrerinnen und Lehrer auf eine Stelle, die vollgepflastert ist mit Nebenwirkungen, die erst nach ein paar Jahren erkennbar sind. Einen Ausbildungsgang für diese Schulform gibt es nicht. Es kommt auf den Selbstversuch an. Es kommt auf den Grenzgang an.

Aber das Rauschen im Kopf wird langsam zu einem Vorfreuderauschen auf das, was in 4 Monaten auf mich zukommt: ich werde ein Freistellungsjahr antreten, auf das ich 2 Jahre lang hingespart habe. Ich werde 365 Tage lang nicht arbeiten gehen, keine kranken Kinder unterrichten und keine schlimmen Geschichten hören müssen. Ich werde Abstand gewinnen und meine Reservetanks auswechseln. Kleinere einsetzen, damit ich schon früher merke, wenn etwas zu viel ist. 

Und die Risiken und Nebenwirkungen haben jetzt ein Gesicht. Und damit sind sie umgänglich und fassbar. Damit sind sie erträglicher.

 

PS: Mein großer Dank geht an meine Osteopathin. Sie nimmt sich dann spontan Zeit und renkt ALLES wieder ein. Sie tapet meinen Rücken und es fühlt sich an wie eine Decke, die sorgend und zuversichtlich zugleich um die Schultern gelegt wird. 

Und kriegen Sie da keine Angst, wenn sie sowas sehen? Hinter Ihnen!” fragt mich die alte Frau mit dem Korb am Arm. Sie schubst mich kaum merkbar an und weist mit ihrem Kinn in Richtung der Personengruppe, die hinter mir steht. “Da, kann man doch nur weglaufen.” Ich weiß genau, wen sie meint, drehe mich aber nicht um sondern überlege für einen kurzen Moment. Schräg hinter mir an der Fußgängerampel steht eine Gruppe von Frauen, die mit langen schwarzen Gewändern gekleidet sind. Einzig erkennbar sind ihre Augen. Wallende Stoffe, die den Winterwind aufnehmen und sie fast schweben lassen. 

Und diese Kleidung der Frauen löst bei der alten Frau so sichtlich Angst aus, dass sie erst 2 Meter Abstand nimmt und verängstigt schaut und dann zu mir herüber kommt, um meine Meinung darüber zu erfahren. Vielleicht um sicher zu gehen, dass Angst nicht angebracht ist. Weggehen kann sie nicht, wir stehen auf einer Verkehrsinsel. Die Ampel ist rot. Für die Frau wohl ewig rot. Sie schaut mich an und immer wieder nickt sie mit dem Kopf in Richtung der Frauengruppe. Die Ampel immer noch rot und ich fühle mich nicht wohl mit dieser Sache. Zu viele politisch unkorrekte Dinge auf der einen Seite, dann Verständnis der alten Frau gegenüber. Bilder im Kopf, den ich bis kurz vorher noch mit Geschichten aus der Psychiatrie füllte. Was man nicht alles denken kann in so kurzer Zeit. Bis mir endlich einfällt, was ich in dieser Situation und zu der Frau sagen möchte. 

“Wissen Sie, es gibt so viele Menschen, die tragen Jacke und Hose wie wir. Und man sieht es ihnen nicht an, dass wir Angst vor Ihnen haben sollten. Und doch sind das böse Menschen, die schon vieles angerichtet haben. Solche Dinge, die wir gar nicht wissen wollen.” – “Ja,” sagt die Frau, “da hamse Recht. Aber sowas, nee. Haben Sie da keine Angst, wenn die da hinter Ihnen stehen?”

Und ich überlege und denke nach, alles wieder sehr schnell. Ich schüttele den Kopf und lächle. Mehr kann ich nicht sagen. Die Ampel ist noch immer auf rot. Und ich wünsche mir, dass genau in dem Moment eine der schwarz gekleideten Frauen auf uns zu käme und mit uns redete. Vielleicht eine Begrüßung, vielleicht ein Lächeln mit den Augen. Die Freundlichkeit eines wallenden Gewandes aufgreifen und einsetzen. Die Situation entschärfen und ihr die Normalität geben, die sie verdient. Ich möchte nicht Fürsprecherin sein, sondern Mitsprecherin in diesen Angelegenheiten. So etwas wünsche ich mir. Dass alle Menschen, die in solcher Lage sind, durch kleine Gesten, durch Reden oder Taten Gutes tun. Gutes tun für die Frau, die Angst hat, für die Frau, die zwischen den Stühlen steht und vermitteln möchte und letztlich für sich selbst. So könnte es doch klappen, das mit dem Miteinander und der Toleranz. Der eine sagt “Ich habe Angst.”. Der andere versucht, die Angst durch eine Kleinigkeit in Unbegründetheit zu wandeln. Die Frau, die vermittelnd steht, in Augenhöhe und Fairness allen gegenüber. Und die Geschichten wie diese weiter gibt, auf dass sie sich vermehren bis ans andere Ende der Welt.

Ach, das wäre schön.

Und da fehlen selbst mir die Worte. Worte, die in so einer Situation keinen guten Grund finden können, um gesprochen zu werden. Für was und warum, das steht außer Frage. Weil eh alles fest steht. Von anderen bestimmt, für richtig empfunden und als neuer Weg vorgepflastert in ein neues Leben. Ein neues Leben außerhalb der Familie. In einer neuer Umgebung mit neuen Menschen, neuen Mitbewohnern, Betten, Stühlen, Gabeln, Tapeten, Strukturen, Anforderungen und so vieles mehr, was einen Zehnjährigen nur angehen kann.

Als wir heute in der Chefarztvisite den kleinen Patienten in seinem Zimmer besuchten, um mit ihm weitere Schritte zu besprechen, war klar, dass dieses Treffen nicht leicht würde. Zu sehr klappte es Zuhause nicht mit seiner Familie und seinem Bruder. Immer wieder Ausraster und stundenlanges Waschen als Zwangshandlung. Das reißt einen Jungen dermaßen aus dem Alltag, dass ein normales Leben nicht mehr möglich ist. Daher wurde er vergangene Woche in die Klinik aufgenommen und aus seinem gewohnten Umfeld geholt. Dort konnten alle erkennen, dass es dem Jungen sehr schlecht geht. 6 Stunden lang Schreien und Toben. Gespräche und Gesten halfen ihm nicht, sich zu beruhigen. Die selbst schwer kranken Mitpatienten dadurch sichtlich mitgenommen und professionelles Personal, das an seine Grenzen stieß. Wegen eines Menschen im Grundschulalter.

Als der Junge heute in der Visite vor 9 Erwachsenen auf seinem Bett saß, konnte man ahnen, dass er schon wusste, wie es mit ihm weiter geht: nicht mehr nach Hause. Sondern in eine Einrichtung, so wie sein Bruder. Dass es nicht dasselbe Hause sein würde, das wusste er auch schon. Und als der Arzt dann wiederholt sagte: “Du weißt, dass es heute nicht mehr nach Hause geht? Weißt Du, dass Du gleich abgeholt wirst und in Dein neues Zuhause gebracht wirst? Kannst Du mir bitte in ganzen Sätzen antworten?” Da fehlten ihm die Worte. Da fehlten auch mir die Worte. Was soll ein kleiner Mensch antworten? Wie kann in solch einer Situation nur ein Laut von den Lippen kommen, wenn selbst Erwachsene da stehen und starr sind vor Bedrückung. Kein Mucks und kein Schnaufen. Sein Kopf gesenkt und einmal mit den Schultern gezuckt. Das war es, was der Junge zu tun in der Lage war. Traurigkeit bis in die Haarspitzen, die Füße kraftlos vom Bett hängend und ein verlorener Blick in die Runde. Kein Mensch in der Nähe, der das wirklich auffangen kann und kein Wort, das passend wäre für diese Tatsache. Das Schweigen tickt lauter als der Wecker auf seinem Tisch.

Ab heute fängt sein neues Leben an. Die Feuerwehr holt ihn ab. Raus aus der Klinik, rein in einen etwas freierer Rahmen mit viel Unterstützung und Zeit. So dass er vielleicht bald wieder zu seinen Worten zurückfindet.

Und die Leistung des Tages geht heute an meine Schülerin. Ganz klar und ohne Zweifel. Ihr sei dieser Tag und Erfolg so sehr gegönnt, weil sie hart dafür arbeitete. Und zwar mit sich. Das ist die härteste Arbeit, die ein Mensch leisten kann: sich zu verändern, sich anzunehmen und weiter zu entwickeln. Neue Wege zu gehen und sich helfen zu lassen. Ganz anders als man von ihr erwartete, als sie vor 6 Wochen nach zahlreichen Aufenthalten in der Klinik wieder zu uns kam. Seitdem arbeitet sie jeden Tag so sehr dafür, irgendwann ein Leben führen zu können, das dem unseren in Ausschnitten ähnelt. Zu viel war sie alleine seitdem sie lebt. Alleine gelassen von den Eltern, die sie schon früh in eine Einrichtung brachten und sich nicht mehr interessierten. Kein Wunder, dass sie anders und mit Schmerzen am Körper und in der Seele zum Teenager heranwuchs: mit Schnittverletzungen am ganzen Körper und so tief, dass sie genäht werden mussten. Zuletzt auch im Gesicht. Oft wurde sie in den Aufenthalten zuvor fixiert, weil sie sich selbst in Lebensgefahr brachte. Ihre Gefühlswelt taub und laut zugleich.

Das Mädchen ist dieses Mal anders. Sie wirkt gereift und aufrechter. Spricht ihre Sätze meist zuende und kann Lob annehmen. Sie schwankt nicht mehr in Kilometerlängen von gut gestimmt zu tottraurig. Sie cremt sich ihre Narben, damit sie weniger sichtbar sind für andere. Verabschiedet sich damit vielleicht und in kleinen Schritten von ihrer Erkrankung. Sie traut sich Dinge zu. Als ich mit ihr vor 2 Wochen im Museum war, da konnte ich sehen, was das Leben in geschlossenen Einrichtungen mit einem Menschen machen kann: ihn schützen vor Eigengefahr und nicht Schützen vor Verlernen. Verlernen von Dingen, die so selbstverständlich sind, dass ihre Existenz uns gar nicht mehr auffällt. Als sie das 4-Ticket in der Straßenbahn abstempeln sollte, wusste sie nicht mehr, wie das geht. Ihre Angst, etwas falsch zu machen war so groß, dass ich daneben stehen musste und sie anleitete. Sie fühlte sich von allem beobachtet: von Mitfahrern und Museumsbesuchern. Sie zweifelte sehr an ihrer Erscheinung. Körperlich wich sie mir den ganzen Vormittag nicht von der Seite. So sehr hat sie verlernt, alleine zu sein und sich selbst zu bestimmmen.

Und dieses Mädchen vollbrachte heute die Leistung des Tages. Womit? Mit einem Lerngang in die Klinikkantinenküche. So banal aber so wichtig für sie und ihr Werden. Seitdem sie nun wieder in meiner Klasse war, beschäftigte sie sich mit beruflichen Perspektiven. Sie wird bald 16 Jahre alt und hat die Schulbesuchszeit pflichtmäßig vollbracht. Schule fand für sie in den letzten Jahren in Einrichtungen statt oder eben bei mir in der Klinikklasse. Eine Basis, die löchriger nicht sein könnte. Aber auch dafür gibt es Arbeit und Zukunft. Perspektive, die unerlässlich ist für ein Weiterlebenwollen. ‘Beiköchin’ war der Beruf, den sie für sich aussuchte und wochenlang in Arbeitsblättern und Internetrecherche theoretisch erschloss. Sie arbeitete sehr genau, stellte viele Fragen und holte sich Rückmeldungen bei mir ein, ob ich mir tatsächlich vorstellen könne, dass sie das werden könnte. Ich schlug ihr vor, die Großkantine in der Hauptklinik zu besichtigen. Ich würde mich um einen Termin kümmern, bei dem ihr der Beruf der Beiköchin in der Praxis vorgestellt werden würde. Sie nahm das Angebot an. Und heute war der Tag, an dem dies statt finden sollte.

Wenn ich montags aus dem Wochenende in die Klinik komme, weiß ich nicht, was mich erwartet: es kann alles beim Alten sein, es kann neue Patienten und Patientinnen geben. Jemand kann in der Fixierung liegen oder entlassen sein. All das erfahre ich erst in der Frühe. Und heute wünschte ich mir besonders, dass alles war, wie ich es Freitag verlassen hatte. Und so war es. Die Schülerin kam auf mich zu, fragte, was sie anziehen solle. Sie sagte, sie sei so aufgeregt. Ich solle mit ihr ins Zimmer und ihr helfen, die passende Kleidung auszusuchen. ‘Ich muss ja was Langes an den Armen anziehen, damit die meine Narben nicht sehen. Und was mache ich mit meinen Haaren?!’ Das war es, was in dem Moment auch zu meinem Lehrerinnensein gehört: Stylingberatung, Mutmachen, Beruhigen, Durchsprechen, wie der Besuch wohl ablaufen wird. Und dann endlich losgehen. Mit Fragen auf einem Zettel, der ihr Unterstützung geben sollte, falls sie einen Blackout bekommen würde.

Den brauchten wir gar nicht. Weil sie kurz vor der Küchendirektionstür beinahe der Mut verlassen hätte, den sie sich seit Wochen so sehr erarbeitet hatte. ‘Ich schaffe, das nicht. Wenn die alle gucken! Wie sehe ich denn aus?’ Mein Zuspruch, dabei zu sein und sicher zu sein, dass sie das schaffen kann. Und sie ging mit mir ins Zimmer des Küchenchefs. Des Küchenchefs, der zu ihrer sichtlichen Erleichterung eine Frau war! Steine voll Sorge fielen von ihr ab und sie ließ sich durch den Arbeitsalltag einer Beiköchin geleiten. Von einer sehr empathischen Frau, die ehrlich und offen war und meiner Schülerin Mut zusprach. Und ich war so stolz. So stolz auf das junge Mädchen, das da neben mir stand und plötzlich ruhig war. Ruhig im Sinne von gelassen und zuversichtlich. Sie stellte Fragen, war beeindruckt und scherzte zwischendurch auch einmal: ‘Zumindest gut riechen tut es hier.’

Am Ende des Durchgangs bedankte sie sich bei der Dame und schnappte sich die Winterjacke. ‘Ich kann die jetzt nich anziehen, ich schwitze so, weil ich total glücklich bin.’ Die Leistung des Tages vollbracht und am Ende glücklich sein. Das macht jemanden noch mehr zur Meisterin. Ihr Einsatz und ihr Durchhaltevermögen, sich in eine Situation zu begeben, in der sie auftreten muss und sich bekannt machen muss, das alles zählt zu den großen Schritten, die die Schülerin heute machte. Schritte die hoffentlich einen Weg gehen, der sie begleitet und beschützt in ein Leben führt, das für sie da ist. In dem sie sich bewegen kann wie sie es möchte.

Morgen ist ihr letzter Tag in der Klinik. Dann wird sie entlassen und geht in eine Einrichtung. Wieder ein neuer Ort. Wieder neue Menschen und Menschen, die sie bewerten und beurteilen. Die ihr Leben aus Schriftstücken kennen und sich ein Bild daraus zurechtmachen. Wieder kein leichter Schritt für sie verbunden mit großer Sorge.

Aber mit ihrer Leistung des Tages im Gepäck,  die sie heute glücklich gemacht hat.

Und drückt uns die Daumen! So feste und lange, dass wir heute einen guten Schultag haben. Denn heute ist er ein besonderer: wir gehen ins Museum. Wir möchten ins Museum gehen. Ob das tatsächlich statt finden kann, das erfahre ich erst, wenn ich in der Klinik ankomme und mit dem Oberarzt spreche. Er entscheidet darüber, ob ich mit meiner derzeit einzigen Schülerin einen Lerngang ausserhalb des Klinikgeländes machen darf. Raus aus dem geschlossenen Bereich, rein ins Leben. In die Straßenbahn, in die Stadt, zurück in die vergangene Vergangeheit. Rein ins Museum. Wir wollen uns anschauen, was Frauen trugen, als sie als Römerinnen in unserer Stadt wohnten. Wir wollen uns anschauen, was Reichtum bedeutete, Kraft und Stärke.

Genau das, was wir heute brauchen, um komplett wieder zurück zu kehren in den derzeitigen Alltag, der für die Schülerin bestimmt ist als Warten und Geduld üben und hoffen, dass die stabile Hochlage ihres Gemüts noch anhält. Denn davon profitiert sie momentan enorm.

Wenn ich einen Klassenausflug plane, dann geht das nur unter Vorbehalt. Ich frage auf Station und die Ärzte, ob es überhaupt eine Möglichkeit gibt, mit der Schülerin oder dem Schüler ‘raus’ zu gehen. Ob die Gefahr nicht zu groß ist, dass er oder sie weg läuft. Dass sie sich etwas antun und einen Stimmungseinbruch bekommen. Ich bekomme auch dieses Mal große Zustimmung für mein Vorhaben: ‘das wird Balsam für ihre Seele sein!’, ‘das hat sie sich so was von verdient!’ und auch zweifelnde Kommentare, die mich nachdenklich machen. Und dadurch reflektierter. Grundlage meines Handelns ist die Zustimmung der Ärzteschaft: halten sie die Schülerin heute Morgen für stabil und bereit, so darf ich mit ihr ins Museum gehen. Das wäre schön.

Ich bin mir bewusst, dass es schwierig werden kann. Gehe gedanklich alle Möglichkeiten durch und werde mir merken, welche Kleidung sie heute trägt. Damit ich sie als vermisst melden kann und so schnell wie möglich nach ihr gefahndet werden kann. So dass sie wieder zurück kommen kann und weiter machen kann an dem Guten, das sie sich in den letzten Wochen bei uns in der Klinik aufbaute. Davon gehe ich aber nicht aus. Ich freue mich auf den Tag.

Lehrerin zu sein bedeutet, solche Situationen zu ermöglichen. Sie sind aussergewöhnlich und besonders nur vor dem Hintergrund, dass meine Schule in einer Psychiatrie ist. Grund genug, solche Unternehmungen erst gar nicht anzudenken. Und zu wenig Grund, den Schülerinnen und Schülern einen Ausflug zu verwehren. Sie können sich damit selbst einschätzen lernen, ausserhalb der Blase einer geschützten Station, zurück in dem Leben, das noch so viel vor hat mit ihnen. Einen Museumsausflug mit Limo und Quarkbällchen zum Beispiel.

Und drückt uns die Daumen, dass wir gehen dürfen! Drückt uns die Daumen, dass es ein guter Tag wird!

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