Und gute Laune gibt Auftrieb. Ist Motor von schönen Gedanken, wertet auf und gibt Hoffnung auf Besseres. Gute Laune verspricht viel und kann doch nicht fest gehalten werden. So fest gehalten, dass sie auch in schwierigen Zeiten ihre Macht zeigt. Und schlechte Gedanken vertreibt, Traurigkeit wegschiebt und das lebenswerte Leben die Oberhand gewinnt.

In meiner Klasse ist die gute Laune sehr oft nicht da. Sie ist vergraben unter Sorgen, Zweifeln, Ängsten und Nöten. Ist stumm und taub und man hört sie nicht. Aber sie ist da. Wie eine kleine Flamme, die nicht den Raum erhellen kann, aber den Weg dahin weist, wo es angenehm und süß scheint, zu leben. Depressionen, Selbstmordgedanken und -versuche, Angst vor der Schule und Entzug sind Eigenschaften, die gute Laune vertreiben können und den Menschen zu einem Fragezeichen verbiegen. Ein Fragezeichen, das oft alleine die Kurve nicht kriegt und kurz vor dem Absturz steht.

So wie bei meinem Schüler heute, der knappe 13 Jahre alt ist und so traurig ist, dass er nicht mehr leben wollte. Sich Gedanken machte, wie es am besten geschehen könne und wann der beste Zeitpunkt dazu gekommen wäre. Er mag nicht mehr Baskteballspielen mit seinen Freunden, das Hockeytraining hat er kürzlich aufgegeben ‘weil ich vor Traurigkeit keine Kraft mehr hatte, zu laufen.’ In meiner Klasse gibt es Lernangebote, die solche Gedanken für einen Moment verdrängen, in Kurzzeitvergessenheit geraten lassen und Lernerfolge ermöglichen. Aber oft eben auch nur über einen kurzen Zeitraum. Dann fehlt die Kraft, zu rechnen, den Aufsatz zu Ende zu schreiben oder Landeshauptstädte zu sortieren. Dann geht gar nichts mehr und der Körper signalisiert in all seiner Schlaffheit, dass auch er nicht mehr lange am Tisch sitzen kann. Gute Laune ist so weit weg, wie die Vorstellung, jemals wieder Freude am Leben zu haben.

In solchen Momenten  möchte ich nicht mit Worten aufheitern, Geschichten erzählen oder lustig sein. In solchen Momenten hilft mir ein kleiner Trick, um den traurigen Schüler wieder in die Realität zurück zu holen, die ihm augenblicklich besser täte. Dazu nutze ich einen Sinn, den er fürs Lernen weniger braucht: das Riechen. In meinem Rollcontainer gibt es für solche Momente zwei Raumsprays. Das eine versprüht ‘Harmonie’, das andere macht ‘Gute Laune’. So steht es auf dem Etikett, so zeige ich es den Schülern, wenn ich kurzzeitig den Unterricht unterbreche und so wie heute verkünde: ‘Hier, aufgepasst! Ich schlage vor, wir machen uns mal eben gute Laune.’ Und zeige die Flasche den Schülern, die das Ritual noch nicht kennen. Diejenigen, die mich schon seit ein paar Tagen in meinem Unterricht, schmunzeln kurz auf, nicken wissend und kommentieren ‘Ey, endlich! Das ist so super, das wirkt echt, pass auf!’ Und dann drücke ich 4 mal auf den Sprühknopf einer der Flaschen, wedele in großen Bewegungen das Klassenbuch durch die Luft und atme hörbar und tief ein. Dabei blicke im Raum umher und erwartungsvoll die Schüler an. Ein bisschen Clownsein ist auch Lehrersein. Es dauert eine Weile, bis der Duft nach Zitrone und Orange bei den Schülern ankommt und dann ist das Erstaunen in der Regel groß: ‘Krass, Alter! Das wirkt! Ich kenne sonst nur Pillen, die so was machen!’, sagt heute der traurige Schüler. Breit grinsend den Stift zur Seite legend und den Geruch in der Nase. Ein Lachen, das Verzückung und Erstaunen mit sich trägt und bis tief in die Seele geht. Er kann in den nächsten 5 Minuten nicht weiter arbeiten, weil er so ‘geflasht ist von dem Wunderspray, dass ich erstmal das Gefühl genießen will. Ich wusste gar nicht mehr, wie sich das anfühlt.’ Und ich lasse ihn. Schmunzle und ergänze nach einer Weile seinen Satz: ‘Alleine für diesen Moment freue ich mich immer, euch diesem Spray bekannt zu machen.’

Und dieser Moment macht auch mir Laune.

Und zwar gute.

Und auch das gehört zu meiner Arbeit. Einer Arbeit, die sich vom Lehrerjob an Regelschulen unterscheidet, weil sie in einer Krankenhausschule getan wird. Jeden Tag aufs Neue. Jeden Tag mit neuen jungen Menschen, die dem Leben nicht gewogen sind in dem Moment. Sicher untergebracht vor sich und anderen.

Und auch das gehört zu meiner Arbeit: dass ich mich in die Ferien verabschiede. Von der Klasse, den Schülerinnen, die fleißig die Weihnachtgeschichte als Comic gemalt haben. Und eben auch von der Schülerin, die heute nicht dabei sein konnte, weil sie seit gestern nicht alleine aus dem Bett steigen kann. Aus Schutz vor sich selbst. Aus Schutz vor Gedanken und Handlungen, die sie vom Leben verabschieden. Normalerweise gehe ich nur zur Visite in die Zimmer, weil aber die Ferien anstehen, vereinbare ich mit der Station, dass ich kurz zu meiner Schülerin gehe. Im Zimmer angekommen lege ich ihr Material für die Ferien auf den Tisch. Es ist dunkel, leise tönt Musik aus ihrem Radio. Wir schauen uns an und ich sage ihr, dass ich mich verabschieden möchte. Ihr ein friedliches Weihnachtsfest wünsche und einen guten Start ins neue Jahr. Einen besseren. Und sie nickt. Mehr Worte finde ich nicht, es ist schwierig, jemandem eine selige Zeit zu wünschen, der so arg mit sich selbst kämpft und oft den Mut verliert. Ich habe meine kleine Drehorgel in Streichholzschachtelformat mit ins Zimmer gebracht, mit der ich bei Verabschiedungen von Schülern immer ein Lied spiele und vorab den Text aufsage, den meine Schülerin im Bett mitsprechen kann, weil sie es schon oft erlebt hat, dass Mitschüler die Klasse verlassen und ich ihnen damit alles Gute wünsche. Ich sage ihr, dass ich gerne für sie die 2 Strophen spielen möchte und frage, ob sie es denn auch hören wolle. Sie nickt und schaut mich mit großen Augen an: ‘Ja, Frau Knixibix. Bitte.’ Und während ich beginne, den Text vorab aufzusagen, spricht sie leise mit:

‘Für Dich soll’s rote Rosen regnen, dir sollten sämtliche Wunder begegnen. Die Welt sollte sich schön gestalten und ihre Sorgen für sich behalten.’

Und dann spielt die Melodie. Das Mädchen schaut zur Seite, aus dem Fenster raus in den grauen, verregneten Tag. Es ist so still, trotz Melodie. Trotz Leben im Raum.

Ich wünsche ihr zum Schluss, dass sie es sich bitte gut gehen lassen solle. Und ich meine das ernst. ‘Ja, und sie bitte auch. Machen Sie sich ein schönes Weihnachtsfest mit Ihrer Familie.’

Und auch das bedarf zur eigenen Verarbeitung eines Ausdruck, eines Erzählens und Loswerdens. Das, was man im Studium nicht lernt, sich im Kollegium in der Pause austauschen kann, das was man aus der Tat heraus lernt und bald nicht wieder vergisst. Eben das, was das Leben auch als Eigenschaft zählt, die ernster und wahrer in dem Moment nicht sein kann.

Und wie feiern Sie? Wurde ich heute gefragt, wirst Du gefragt, fragen wir alle in der Zeit vor Weihnachten. Wir wollen wissen, wie sich Weihnachten bei anderen anfühlt, was zählt, wie Rituale und Essen aussehen. Um teil haben zu können, abzugleichen mit dem eigenen Fest, sich an der Vorfreude laben zu können, die bei den Schilderungen durchblitzt und den Raum mit einem guten Gefühl füllt.

Und wie ich Weihnachten feiern werde, wurde ich heute von einer meiner Schülerinnen gefragt. Mit großen Kirschaugen und gespanntem Blick schaute sie von ihren Arbeitsmaterialien hoch. Zu mir, in der Erwartung, was da kommen mag. In dem Moment kommen vielen Gedanken in den Kopf, Fragen und Zweifel, wie diese Frage wohl am besten zu beantworten ist. Ohne zu verletzen, ohne traurig zu machen. Weil mich das eine Schülerin fragte, die derzeit wie meine ganze Klasse hinter geschlossenen Türen behandelt wird. Über einen langen Zeitraum schon, mit vielen Rückfällen und traurigen Momenten. Auch für sie ist die Frage noch nicht geklärt, ob sie für den Weihnachtsabend nach Hause zu ihrer Familie beurlaubt wird. So wie für andere die Frage ist, ob sie in ihrer Wohngruppe sein dürfen, wenn gefeiert wird. Raus aus dem Klinikalltag, den festen Strukturen, der wohlwollenden Umgebung, den klaren Ansagen. Rein in das alte Leben, so wie es war, bevor die Erkrankung kam. Was sagt man da? Tut man es ab? Ist man ehrlich? Lässt man nur wenig durchblicken? Ich entschied mich dafür, mein anstehendes Weihnachtsfest in allen bunten Farben zu erzählen. Vom Weihnachtsbaumschmücken, bei dem meine Mutter immer wieder dieselbe Frage stellen wird: ‘Soll das dieses Jahr nicht mal jemand anders machen?’ Und ich das jedes Jahr mit einem Lachen verneinen werde. Von meinem Vater, der seit morgens in der Küche stehen wird und sich ganz der Gans hingibt. Von der Schwester und Ihrem Mann, der seine Brüder mitbringen wird, die alle Musiker sind. Und es ein lautes, musikalisches Weihnachten sein wird. Von der Freundin des Bruders, die Zuhause eigentlich erst später Weihnachten feiert, aber mit uns den Abend in Freude verbringt. Von Spaziergängen und vollen Bäuchen. ‘Sie freuen sich bestimmt. Das kann man sehen!’

In dieser Zeit ist es eine besondere Aufgabe, mit jungen Menschen zu arbeiten, die an Punkten in ihrem Leben ankamen, deren Aufarbeitung teils sehr lange dauern. Teilweise auch an ihrem vorletzten. Das ganze Schuljahr über ist gezeichnet von Hoffnung schenken und Mut machen – so ist es in den Tagen vor Weihnachten noch deutlicher spürbar. Die Kraft, die jeder aufbringt, um diese Situation meistern zu können. Die Spannung auszuhalten, bis die Entscheidung fällt, nach Hause zu dürfen für ein paar Stunden. Unterm Weihnachtsbaum die Geschenke zu finden und seine eigenen nennen zu dürfen. Wohl wissend, dass im Falle einer Weihnacht im Krankenhaus die Mitarbeiter ein Fest organisieren, das leuchtet und lecker und wohlig ist. Aber eben nicht Zuhause.

In dieser Zeit arbeite ich viel mit nachdenklichen Elementen. Stelle die Adventsfragen, die ich auch Euch stelle. Untermalt mit Musik und ergebnisgeklebt auf buntes Papier. Und in jeder morgendlichen Adventsrunde ist es immer so ernsthaft still und ehrlich. Nehmen sich die erkrankten Schüler Zeit, diesen Fragen Antworten zu geben, die passen. Passen in den Moment, passen in ihr Leben derzeit im Krankenhaus. Und gespannt auf das, was die anderen schreiben. Neben den üblichen Arbeitsphasen gestalten wir seit ein paar Tagen die Weihnachtsgeschichte auf Papier, um sie nachher aufhängen zu können für die Patienten, die noch nicht in die Schule gehen können. Und wie farbenfroh und lustig die einzelne Ausarbeitungen werden, lässt mein Herz schneller schlagen. Wir freuen uns alle über das Gemalte und erkennen darin, dass auch da Mut und Hoffnung raus blitzen. Während des Malens dürfen die Schüler sich Weihnachtslieder wünschen, die ich dann auf youtube suche. Es wird mitgesungen. Und zwar laut. Als dann heute die Weihnachtsbäckerei als ‘Technobäckerei’ läuft, steht anschließend eine Schülerin auf, die schon seit Sommer in meiner Klasse ist. Sie bittet um Ruhe, räuspert sich: ‘Nun kommt die Operettenbäckerei!’ Und legt los. Ein Mädchen, das sich mühsam wieder ans Essen gewöhnt, das sich einen trockenen Humor bewahrt hat, der mich oft sprachlos macht. Dieses Mädchen steht in der Klasse und operettet die Weihnachtsbäckerei und lacht zwischendrin so sehr, dass sie sich den Bauch halten muss. Und wir uns Tränen aus den Augen wischen. Aus Freude und aus Spaß. In der heiligen Zeit.

Nach 3 Jahren als Lehrerin auf der Station weiß ich: Weihnachten ist gar nicht so traurig in einem Krankenhaus. Weihnachten lässt viel mit sich machen. Lässt Kinder und Jugendliche fantasieren, andere fröhlich machen und vergessen für eine Zeit. Weihnachten ist gut.

Und wie feiern Sie?

Und Geschenke bekommt jeder gern. Von Herzen und von Menschen, die man mag. Von fern und nah, von ganz tief drin und ganz weit weg. Geschenke sind ein Dankeschön fürs Dasein, fürs Freude machen und fürs Wichtigfühlen. Große oder kleine, teure oder kostenlose – Geschenke pusten frischen Wind ins Gesicht, lassen Glück sichtbar werden zwischen dem, der gibt und dem, der bekommt.

Und das war heute so: als ich meinen kleinen Zweitklässler wieder auf Station abholte, um mit ihm eine Schulstunde lang Unterricht zu machen, raste er mir schon fröhlich entgegen. Sämtliche Blätter winkten in der Luft ‘Frau Knixibix, ich hab gestern alle Hausaufgaben gemacht! Können wir loslegen?’ Der kleine Junge, der sich hinter verschlossenen Türen befindet, weg von zuhause, weg aus seiner Heimatschule, von der er für die kommende Zeit verwiesen wurde. Wegen Schlägerei, Zündeln und Klauen. Der kleine Junge, der schon so viele Bilder im Kopf hat, die dieses Alter nicht sehen sollte. Erwachsenes erlebt haben, was selbst als Teenies noch zu früh ist. Der kleine Junge, der immer wieder Reißaus nimmt, weil er es nirgendwo länger aushält, weil ihn wohl niemand länger aushält. Mit ‘Großen’ auf Station lebt er sich derzeit ein in den Krankenhausalltag, dabei sehr bemüht, sich an die Regeln zu erinnern und er klaut nur noch selten Dinge. Er wirkt fröhlich und entlastet, nimmt sich jedem an und ist neugierig, wie es ein Junge in seinem Alter nur sein kann.

Ich willkomme ihn in der Klasse und aufgeregt fragt er nach der Schnecke Charlotte. Ob sie auch da sei und noch schläft? Ob sie später wieder vorbeikommt und versucht, mit ihren schlechten Augen das zu lesen was er gelernt hat? Und ja, er wisse, dass sie zu den Kindern kommt, die im Unterricht gut mitmachen. Das tut er. Von ganzem Herzen, mit ganzem Ohr und großen Augen. Stellt Fragen, die das Wunder des Lebens betreffen, will wissen, wo die Steine im Fluß herkommen. ‘Wieso heißt der Zaunkönig so? Weil seine Krone aussieht wie ein Zaun?’ Seine Augen blitzen, er rechnet fleißig, schafft locker das schriftliche Addieren. ‘Ja und das mit dem Minus, das bringen Sie mir morgen bei. Bitte.’

Die Stunde geht um, schneller als gedacht. Der kleine Junge wundert sich und bittet dann, die Schnecke doch wieder zu holen. Natürlich schaut sie vorbei und ehe sie auf meiner Hand sitzt und aus dem Schneckenhaus heraus schaut, greift der Junge in seine kleine Hosentasche: ‘Ich habe ein Geschenk mitgebracht, das möchte ich der Charlotte geben!’ Und drückt ihr die Fühler über die Augen, ‘es soll ja eine Überraschung sein!’ Und als die Fühler wieder Licht ins Auge lassen, liegt auf der kleinen Kinderhand ein Legopüppchen. ‘Für Dich.’

Er freut sich so sehr über seine Idee, über die Freude der Schnecke und das wohlige Gefühl, etwas gutes getan zu haben. Er macht es es sichtbar mit lautem Kinderlachen und hält sich dabei den Bauch. ‘Das kitzelt so schön, wenn man lacht.’

Was für mich hinter seinen Gedanken, seiner Geste und dem Ausdruck steckt, das ist auch ein Geschenk für mich. Ein Geschenk, das nicht mehr geht, das sich einpflanzt in die Herzbox, die sorgsam Momente aufnimmt und sie auf Watte bettet. Einbalsamiert mit dem Lächeln, das mir bei solchen Dingen über die Lippen huscht. Da sitzt also der Kleine gestern Nachmittag in seinem Einzelzimmer und macht sich Gedanken, was er der Schnecke Gutes tun kann. Misst es mit seinem Maßstab, wägt die Möglichkeiten ab, und überlegt. Das Legomännchen soll’s sein. Sein Besitz, den er sich in die Klinik hat bringen lassen, sein Spielzeug, das von zuhause kommt. Und er gibt es her. Verschenkt es, weil er danke sagen möchte an eine kleine Handpuppe, die ihm glückliche Augenblicke schenkt. Ein Geben und ein Nehmen, das hat er schon verstanden, wendet es an, richtet sich ein in seinem neuen Leben. Er entscheidet sich für die fröhlichen Momente.

Und macht dabei Geschenke.

Und alte Zeiten sind gerne erinnert. Lassen an Weihnachten denken, Kindergeburtstage, Kopfstreichler, Schultüten. Alte Zeiten sind meist gute Zeiten, die den Boden bereiten für das, was in neuen Zeiten darauf gelegt, gestellt, gepflanzt wird. Um daraus die Zukunft zu bekommen, die sich in Traumbildern so schön ausmalen lässt.

Und manchmal ist das nicht so. So wie bei einem meiner neuen Schüler, der kurz vor Schuljahresbeginn auf unsere Station kam. Ein 14jähriger, der angekommen ist, am Wendepunkt in seinem Leben. An seinem ersten vielleicht. Er ist polizeibekannt, prügelt viel, gibt auf dem Kennenlernbogen für die Schule Saufen als Hobby an und sieht auch anfangs so aus. Scheue Blicke, geduckte Haltung, seine Stimme ist sehr leise und zaghaft erfragt er sich den Alltag in seiner vorerst neuen Umgebung. In der Klasse sitzend warnt er mich vor, nicht zu viel zu erwarten, er habe ‘Bock auf überhaupt gar keinen Scheiß’. Ich nicke das freundlich ab. Erzähle ihm im Erstgespräch von unserem Unterricht und heiße ihn danach mit seinen anderen Mitschülern willkommen. ‘Schön, dass ihr da seid.’ Die Aufgaben zu Beginn in meiner Klasse sind für alle Schüler gleich. Eine schriftliche Aufgabe, anhand der ich schnell und sicher  einige Lernmöglichkeiten und Arbeitsweisen erkennen kann. Und die erledigt der Junge aus der Förderschule konzentriert, etwas langsamer als die anderen Realschüler und Gymnasiasten, aber motiviert. Er freut sich über den Blümchenstempel und fragt nach weiteren Aufgaben. Er ist so vertieft in die schriftliche Subtraktion, in die Englischvokabeln aus dem Grundwortschatz und in die Fussballstädte der verschiedenen deutschen Bundesländer, dass er es anfangs nicht merkt, aus welchen Kapazitäten er eigentlich Kraft schöpft. Die Kraft, die man benötigt, sich neben seiner aktuellen und sehr schwierigen Lebenssituation auf Anforderungen der Gesellschaft einzugehen und mitzumachen. Mitzumachen, um dem Wendepunkt einen Schubser in die die richtige Richtung zu geben. Der Schüler liest am 2. Tag eine Lektüre und bittet mich, die Kopien zusammen zu tackern. Er verliere so schnell seine Sachen, das wäre doch schade. Manchmal kann er Mitschülern bei Fragen helfen, weist seinen Kollegen darauf hin, dass Stuttgart in Baden-Württemberg liegt. Und hält dann inne. Wartet einen Moment, schaut sich unbeobachtet in der Klasse um und schnauft leise. So leise, dass er sich wieder vor den Materialien wieder sieht und weiter arbeitet. So lange bis es gegen Ende des Schultages leise aus ihm raus murmelt: ‘Ja und wenn ich hier raus bin, brechen die alten Zeiten wieder an. Dann wird wieder gebrüllt.’ Ich frage ihn, ob er es sei, der brüllen würde, das könnte ich mir gar nicht vorstellen, so still wie er bei uns ist. ‘Nein, dann brüllen meine Eltern wieder. So voll laut, dass ich fast nichts mehr höre. Die brüllen wegen jedem bisschen. Hier ist das nicht so. Hier reden die Leute mit einem. Hier werde ich gebraucht und ich kann auch was sagen.’ Worauf sich eine Zehntklässlerin ermutigend einbringt und ihm bestätigt, dass er doch seit seiner Ankunft mit jedem Tag glücklicher aussieht. ‘Ja, das bin ich auch. Wie krass das ist, dass ich hier hinter zuen Türen bin und es mir dabei besser geht, als draussen. Voll abgefahren.’

Der Junge wartet auf ein Gespräch, das in der kommenden Woche mit ihm und Verantwortlichen geführt wird. Dabei geht es um eine Unterbringung ausserhalb der Familie. Das erzählt er uns auch. Und wird dabei sehr traurig. Solche Momente sind schwierig aufzufangen. Welche Worte können trösten? Welche Blicke? Welche Gesten? Und während die Gedanken um eine gute Lösung suchen, sind es die selbst erkrankten Schüler, die die Situation ertragbar machen:

‘Hey, dann sind die alten Zeiten vorbei! Dann kannst du sein wie hier. Einfach glücklich.’

Und ein Lächeln ist die Antwort.

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